incipit

23
Jun
2008

PSEUDOKINDERSPIEL

in dem Moment, da ihre Singstimme mich nennt,
fragend, ist wieder alles parat: dieses
penetrante Kopftuchrichten, die Blicke, starr
aus ihren Majal-Umrandungen, die abgebrochenen

Einladungen, Autofahrten mit altpersischem
Frauengesang, der ihr nichts sagt, Hotelcafés
als Fluchtorte der Verlegenheit: irgendwo werden
die Haare enthüllt, nach endlosen Verhandlungen,

ohne irgendwelche Konsequenzen, außer daß sie
von Verstößen berichtet, Beobachtern, die sie
einer Bestrafung zuführen könnten, fremden Männern,
extra angereist, um sie zu züchtigen,

mit Zustimmung der Botschaft. Jetzt ihre Stimme,
die etwas träge Intonation, der helle duftende Klang
der deutschen Vokale, der plötzliche Kick unterm
Tisch, der wehtut, während sie lächelt, die Freundin

wegschaut, und im selben Moment meine Schläge
auf ihre Fingerspitzen, die immer härter ausfallen
in diesem Pseudokinderspiel: wer schneller schlägt,
wer zuerst wegzieht; und wie der Tisch reagiert

(Montag, 18. September 2005, 22.55 Uhr, Venedig)

10
Jun
2008

KEIN INTERESSE

er hatte eigentlich damit begonnen,
kein Interesse zu zeigen, zuzuwarten.
Nach Jahren begann auch sie,
kein Interesse zu zeigen, zuzuwarten.
Und er hoffte, daß sie nicht zuwartete,
daß das Nichtzuwarten plötzlich aufhörte;
daß sie ihm die Chance gab,
wie früher zu reagieren, darauf,
daß sie wieder Interesse zeigte;
daß sie abgewehrt werden konnte zum Schein,
um ihr Interesse zu stärken.
Diese Verschränkung aufgelöst im Lauf der Jahre,
und jetzt der Anschein,
daß beide in einer Warteposition verharren -
er glaubt an eine Rückkehr
in den früheren Zustand, in dem Fall,
wenn sie wieder Interesse zeigt,
wobei ungeklärt bleibt,
warum ihr Interesse geschwunden war.
Wozu sie zwischendurch anmerkte,
ein bestimmter Geruch sei nicht mehr da,
er entblöße sich nicht mehr,
ahme die frühere Schüchternheit nach.
Während er den Gedanken hegte,
es sei richtig zuzuwarten,
wodurch das Sexuelle
von selbst in den Hintergrund trat
und von ihr erwartet wurde,
daß sie immer wieder von neuem
eine Art Befreiung anbiete -
von dieser entsetzlichen Starre,
die er schon als Kleinkind erfahren hatte,
eingebunden mit gekreuzten Ärmeln
wie von einer Zwangsjacke in einen Wickelpolster,
zur Regulierung des Knochenwachstums,
Konzentration auf den Sehsinn.
Bewegung war Augenrollen,
Zwinkern, Zunge raus, rein, Grimassen,
Schweifen der Phantasie in die weiteste Ferne,
auf die nächste Wand, den Plafond -
Widerschein des Lichts vom Fenster her,
von der menschenleeren Dorfstraße

(Sonntag, 04.05.2003, 18.20 Uhr)

5
Jun
2008

DONNERGESCHMETTER

grün in diesem Nachtlicht der Brunnen.
Und vor dem Sockelstreifen der Kirche
von beiden Seiten verwischte Bewegung.

Regen, der alles schnell beschleunigt,
Geräusche verdichtet. Etwas fällt um,
Quietschen und Aufschlag, zwei-, dreimal.

Und ich, zwischen Vorhängen, unentdeckt,
angelockt vom einzigen Donnergeschmetter.
Draußen, mit unwissenden Mitspielern,

minimalen Veränderungen die Versuchsstation.
Auf diesem Feld treten Füße auf, ziehn sich
ruckartig zurück; dunkles Hin und Her, erhellend.

Lacken, zwischen Gitterstäben aufgleißend,
aus denen der Regen zurücksprüht.
Ich öffne das Fenster, zeige mein Gesicht

(Donnerstag, 11.9.2003, 10.10 Uhr, Venedig)

1
Jun
2008

UND POTSDAM

unbedacht in die nächste offene Tür:
sich steif halten, nach hinten stemmen,
der Blick schweifen lassend, unentwegt –

so den Frauen entgegengetreten,
jungen und älteren, Müttern mit Kindern.
So auch eindeutigen Nichtberlinern,

den wenigen Schwarzen, halbwüchsigen Türken
in lärmenden Autos. Parks eher grau als grün.
Blumenbeete als nicht vorhanden vermerkt.

Kein rasender Verkehr, wenig Stau.
Nur am Wochenende erzwungene Halte
bei Nikolasee. Warten auf dem falschen Bahnsteig,

Einstieg, Ausstieg, Umkehr, Kontrollverlust.
Schließlich Geplätscher, ferne Segelparade,
langsam heranschaukelnde Sommerschiffe,

Gelage auf dem Villenabhang, Lesungen
an mehreren Orten zugleich. Und wo bleibt Potsdam?
Auf dem Plan, aber nicht wirklich vermißt

(Montag, 18.8.2003, 20.05 Uhr, Berlin)

28
Mai
2008

ERSTER MAI

sie, die mich trotz der Papilloma-Viren
küssen wollte, stieg in den Zug,
der nach Öl roch und trotzdem losfuhr,
unter einem makellos blauen Himmel -

eine Wendung nach rechts brachte
eine Bergkrone zutage, umgeben von roten,
weißen und wiederum roten Drachenfliegern -
der 1. Mai zeigte sich noch am zweiten

an einigen Häusern beflaggt -
aus dem Buch stieg Erinnerung auf,
der Drang, Erinnerung zu erklären, Orte
der Erinnerung in mir, deren Art und Weise -

so dachte ich an Neuronen, Konvergenzfelder,
meinen Hippocampus, die Amygdala -
und die Nachricht, daß H.s Mutter
gestorben war, die mich verspätet erreichte,

am Computer in Maislingers Bäckerei,
mit allen Illusionen der Gegenwart -
und sie im Zug, vielleicht schon angekommen,
die so scharf erdig riecht, so oft leichtfertig

an den Zähnen saugt - und wie die Stimme,
die nicht wirklich stimmhaft verständliche
abstellen, außer durch Ortswechsel -
und was, wenn es die eigene ist

(Sonntag, 04.05.2003, 19 Uhr)

26
Mai
2008

BOIS DE BOULOGNE

1

worüber sie jubeln,
die halb aus dem Stein Drängenden,
nach vorn Gebeugten,
die Helme hebend über dem Automobil,
Männer mit Schnauzern,
die Frauen umringen, mit Federhüten -
der Frühling, implodiert zu einer Skulptur,
davon unbehelligt die Autos,
die an allen Seiten vorbeidröhnen,
Tinnitusdauerton -
Bois de Boulogne

2

Zeitungsleser auf Baumstümpfen.
Daneben Hundeschererinnen
mit ihren schnappenden Scheren.
Und hinten ihnen die grellgrüne Linde,
einseitig nach links gezogen
von ihrer jungen Blätterlast,
die, feingliedrig hingehaucht,
einen Baum andeutet, der mehr ist:
dessen Inbegriff, ohne einen Gedanken
an den Herbst, dessen Farben schon blenden

(Sonntag, 21.04.2002, Paris)

22
Mai
2008

KONZERT DER ORGANE

braune glittrige Anzüge, auf Stangen
aufgereiht, während sich schon
der Abstieg der Engel – oder derjenigen,
die als Engel auftreten wollen –
abzeichnet: an die Wand gemalte Gesichter,
mit ihren geschlossenen Augen
genau das sehend, was mir vorschwebt –
Organe als Instrumente. Organkonzert.
Organharmonisierung, auch deren Parodie.
Die Handlanger in ihren Anzügen
marschieren jetzt los, quer durch den Raum,
als Bläser, Schläger, auch Sänger.
Wer erklimmt die blaue Bühne zuerst?
Wer vergrößert das Ohr, entblößt
das Rückgrat, wer bläht die eitrige Hand?
Keineswegs sehr schwierige Operationen
für solche, die das geübt haben,
mit Transparenz und Hintersinn

(Mittwoch, 24.04.2002, 17.40 Uhr)

19
Mai
2008

BAHNHOF

Bahnhof, schrieb er, in einem Atemzug, alles,
was blechern, hölzern, aus Holz, Metallzufall erzeugt.
Musik ist Fest, Beifall Fest am Bahnhof –
wo alles steht und vorbeirauscht, aufbricht
und sich durch Weichen und Zeichen zwingt.
Ewige Baustelle, wenn man an Ausdehnung
vom Einstieg her denkt. Nur Fenster, Landschaft, wundervoll,
und ich, schwarzes Loch, das Problem, Parallelwelt –
sechsundzwanzig Stimmen, es findet statt, wie
zu hören ist, Rascheln, Olivenhaine. Südnordostwind.
Chronos. Keine Zukunft, Prometheus am Fenster.
Gewissheit als Veränderung. Sänger im Glitzerhemd:
Alles kann sie tun, auch den Schatten zwirbeln.
Er, an der Treppe: Hohoho! Aus den Lautsprechern
etwas wie Rauch. Gas-Einfall von Rußland her,
nicht tödlich. Das Gespräch erwischt uns.
Anfang-Ende, damals auf dem Glasdach,
das unter uns nicht zusammenbrach. Anfang-Ende
für den Einflüsterer, dem mit dem Nie-wieder,
mit dem Keiner-Keine-Keines, mit dem Hau-endlich-ab!

(Mittwoch, 6.11.2002, 20 Uhr)

16
Mai
2008

RICHTIGER REGEN

richtiger Regen: der allen Abschaum
von der Straße wegspült, aus der Mitte
der Erdoberfläche, die sich vor mir spaltet,
einen ungeheuren Wasserstrahl emporschießt,
sich im selben Moment herabschüttet
vom Himmel, mich einsaugend aufquillt

12
Mai
2008

DER HUND

der Hund, sonst immer am Pflaster,
diesmal oben im Fenster, mit hängenden
Lidern und Lefzen, traurigen Augen,
wegen der fehlenden Flügel
oder des Urteils, nur in diesem Zimmer
unbeschreibliches Glück zu erfahren.

Jeden Moment könnte er mir
oder dir in die Arme springen.
Aber er starrt an uns vorbei,
ohne uns zu ignorieren.
Wir sehen niemanden im Haus.

Beim Eingang hockt einer,
an einem Radio bastelnd,
bis eine unstete Melodie ertönt,
und dann die gleiche 50 Meter weiter
aus vier Lautsprechern:

zwei Männer mit Frau,
alle drei beschwingt das Schwanken
des Boots austarierend. Sie spiegeln
lachend das lebenslange Unglück
des Hundes, sein Gefesseltsein,

aber auch das Hoffnungsvolle
ihres eigenen Lebensentwurfs
im Vergleich zu endloser Treue,
unerbittlicher Freßabhängigkeit,
bornierter Streichelsucht.

Ihr Glück jetzt so offensichtlich,
während der Hund sich lautlos
und mißvergnügt ausstellt
ohne einen Gedanken an sein banales Ende
in der Schraube eines Vaporettos
oder unter einem Krangewicht

(Freitag, 9. September 2005, 22.50 Uhr, Venedig)
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