aus freien stücken

11
Sep
2007

NOTIZ ZU Z.

Tampons, Pfropfen in Zeitungspapier,
Monatsblutspritzer an den Wänden,
schiefe Betten auf rutschigen Parkettböden,
ein Bonmot nach dem andern,
an der Donau, im Wäldchen, beim Flughafen.

Die geraubte Jugend,
die entgangenen Freundschaften,
keine Tänze, keine Verrücktheiten,
die niemand ahndet. Weibliches,
das noch nicht entschieden war. Wunden,
die funkelten, und am Kaputtwerden
mit Entzücken arbeiteten.
So gehen, daß der Bleimantel nicht drückt

(Montag, 08.08.2005, 15.10 Uhr, Paris)

27
Dez
2006

NAHMTETE

nahmtete –
Form des Abschieds,
draußen auf dem Feld,
im Widderhalm, Wiederhall.
Nahmtete –
Ausgleich fürs Immer-Weg,
Nie-Wieder-Hören,
Gehörn und Losgesagt,
Abgeschieden
und Großartigkeiten im Lauffeuer –
läuft über zu uns,
Automatch als Erkennen,
wenn Wärme eindringt
aus dem Weltall in die Knochen –
dem Manne, dem Kindi,
dem alles erlaubt ist, nichts kennt
von den inneren Drücken,
die Außenantworten verschweigen,
Sozialmundkontakte,
Augenschleimereien,
Nabelkonfusionen,
Angesaugtes, Ausgelaugtes,
und abends
ein Ich mit Thermophor

(Montag, 18.06.2001, 23.50 Uhr)

(Auf in den Süden! Rückkehr: 15. Jänner!)

26
Dez
2006

DONAUINSEL

spitz der Blick dieses Mannes von weitem,
schwarzweiß, durch das Loch im Plakat –
stülpte sich über mich, hier an der Donau,
auf der Insel, wo sich die Stadt aufbaut,
sehr klein hinter Gebüsch, Rollschuhbahnen,
und wie sie unterging, die Sonne, weiß-rot
über den Bezirken vor dem Kahlenberg,
wie die Wolken den halben Himmel verdeckten,
bombastisch, regenschwer, getrieben vom Wind,
im Abenddunkellicht. Ich stand auf der Brücke,
schaute hinunter, wollte mich durchs Papier
hinunterstürzen ins kalt aufquellende
vereinsamte Gewässer, ohne Wut oder Not

(Mittwoch, 9.10.2002, 0.10 Uhr, Wien)

19
Dez
2006

FRÜHLING

in der Hoffnung auf eine Rückkehr
des Lichts, den nächsten Frühling.
Dazwischen: schlechterer Schlaf, Nässe und Kälte,
schlechteres Wachsein, verlangsamte
Annäherung an Karpfen und Gans,
Busserln und Kipferln; dazwischen:
Kingkong und Tapferes Schneiderlein;
Dazwischen: Überschuß, Umtausch,
Firlefanz, Abwahl; und geeicht, von selbst,
das Jahr, das alles neu bringen wird:
Glatteis, Schneeschmelze, Fremdenverkehr,
Überschwemmung, Koalition; Außen-
und Innen-Überwinterung. Nur 137 Nächte,
jede markiert, maskiert, maximiert,
voller dunkler unkontrollierter Geschehnisse

(Montag, 4.11.2002)

18
Dez
2006

MORGEN IM MITTELALTER

keine einzige Tür offen; schwaches Licht
aus den Fenstern. Bis zur Stelle,
wo unten der Fluß rauscht und es schwer fällt,
Sommerblicke zu reproduzieren:

über glänzende Renaissancedächer,
in denen Erfindungen stattfinden,
Organisation geschmiedet wird, Zukunft
bestimmend, die weit über die Stadt hinausreicht.

Rauhe Dialekttöne, Kind und Mutter,
gegenseitige Befehle, ihre Echo,
kein Weinen; das alles gleich verhallt.
Was blieb? Nur dieses leere Sirren

im Zimmer aus dem kleinen elektrischen
Block im Hintergrund über der Tür;
und die Gewißheit, daß unter dem Geknäuel
im Rücken eine Frau liegt, die alles auslöscht

(Samstag, 16.11.2002, 9 Uhr)

4
Okt
2006

SCHON WIEDER HERBST

von Westen her Eintrübung, Wind, schwüler,
überall eine Handvoll schwebender Menschen,
und zwischen den Häusern Sand und Blattwerk,
im Aufstieben die Augen verschleiernd.

Kaum trittst du auf die Brücke im Milleniumtower,
entscheidest du dich schon für den Rückzug,
drinnen bei Starbucks Kühle, Versinken
im butterweiche Gestühl, Kakao und ein Muffin:

auch hier Preise wie die überall in London!
Und der Eiskaffee mit dem gestohlenen Obershäubchen
läßt dich fluchtartig aufspringen.
Abkürzungen, Umwege um Geschäfte

und Menschen, ins Nirgendwo blickend.
Am Donauufer nach dem Videokontrollabschnitt
Chaos im Verkehr: nur quergestellte Autos,
kein Blaulicht, von keiner Seite Rettung

(Freitag, 29.8.2003, 15.30 Uhr)

3
Okt
2006

SOMMER-ENDE

Licht, Strahlung, Wärme, Blicke,
Haut, die sich noch arglos entblößt.
Getümmel vor Geschäften, Paare
an den U-Bahnabgängen, auf Bänken.

Keine Kraft, nur laue Bewegung,
flüchtiges Schaufensterglück
mit Sommerschlußverkauf, Herbstangeboten.
Darum ging es nicht - im Gehen

zwischen ihnen allen hindurch,
an ihnen vorbei, schlendernd, schleifend,
mit blankem Augenkontakt:
Wichtigkeitsdarstellung,

Raum beanspruchend. Angemessen
im Fortschreiten Macht verteilt,
die nicht mehr abfällt, Energiesausen,
mich im Schweben neu aufgeladen

(Donnerstag, 29.08.2002, 17.30 Uhr)

2
Okt
2006

WRESTLING

wechselnde Darstellerinnen, und blieben doch gleich;
halb gespielte, halb ernstzunehmende Gewalt: abgewinkelt

die Beine der einen, die auf dem Kopf stand, ihr von hinten
gespreizter sehr zarter Arsch, zwei Münder mit gebleckten Zähnen,

Gesichter in launischer Wut. Immer enger zog sie die Kette,
der anderen quollen die Augen, nach hinten geworfen

mit nahezu ausgerenkten Armen. Der Knebel im Mund
verschwand. Von oben herab – Brüste, um sich schlagend,

gespreiztes schwieriges Fallen. Schläge in die nackte Scham
mit den Fersen. Huckepack auf dem Haarschopf, zurückgerissen

der Kopf, der ganze abgeknickte Körper. Lachen, Geschrei,
im Lächerlichen endend, Wangen geknackt. Triumph von oben:

wenn sich eine Umarmungen gestattet, auch nur zum Schein, denn so ein Kampf kann für Männer nie zu Ende gehn

(Sonntag, 21.04.2002, 16.40 Uhr, Paris)

12
Sep
2006

WERK

dieses Werk gänzlicher Entschiedenheit
ist die Umkehrung der Vorstufen des Ich:

die Explosion unter der Weide hinter dem Stadel,
die Vater hervorrief, mit Hobel, Säge und Brunftgeruch.

Er hobelte, sägte vor den Augen der Mutter,
die wiederum die Steine zu seinen Füßen zusammenfügte

zu einem Stall, samt Wiege, Heu, den Anschein ergiebiger Liebe.
Gegenseitiges Aufschauen verlieh dieser Sekunde

Beständigkeit, Ablenkung von Kesselschlachten,
heimlichen Schlachtungen im Keller.

Das Geburtsschwein versteckt sich in mir, dessen Aushauch,
der mich lähmte, zugleich immer auch antrieb.

Ich erhob mich über Gallensteine, Maikäfer, Schollenwurf,
Ochsenziemer und Verwandtschaftstödlichkeiten.

Da hatte ich keine Einsager mehr, nur Tierärzte, Tierblut,
Kadaver, Körner, die mich ummodelten,

Nägel aus der Vatertruhe für künftige Fixpunkte.
Niemand wählte für mich den Weg:

er war holprig, voller Steine, Dornen und Kronen.
Als ich aus dem Dorf hinausstolperte,

lud sich mein Gedächtnis randvoll auf:
verankert im Schmerz innerelterlicher Badewannen,

erinnert an die Ziele durch deren Schmutzränder.
Es kotzte in mir, doch Freude drang langsam durch.

Nicht einmal ein Sechstel blieb mir zur Erinnerung

(Samstag, 03.05.2003)

(Auf in den Süden! Rückkehr: 27. September!)

11
Sep
2006

LA DEFENSE

niemand erklärte mir den Namen: Pont du Puteaux -
Hure, Hurenkind oder vielleicht etwas ganz anderes.
Unablässig dröhnte der Verkehr. Schnell ging ich weiter
in eine viel stillere Gegend, verlassene Baustellen,

Bagger in der tiefen dottergelben Sandgrube,
der auch ein Kinderspielzeug sein könnte,
Spiegelflächen, die alles eindunkelnd verschärften,
mit kunstvoll abgestützten Hauswänden.

Vor einem pompösen potjomkinschen Bezirksamt
eine Unzahl verschieden hoher Springbrunnen,
alle in einem unwiederbringlichen Moment zu Eis erstarrt.
Und zum Hügel, der hinaufführt zu La Defense,

Wand aus Türmen, ausweglos über der Autostraße.
Inmitten von Gedröhn, Abgasen nur dieser eine Weg
quer durch den Busbahnhof, zwischen ununterbrochen
ankommenden und abfahrenden Bussen, und grünen,

auf den Fotos dann rot erscheinenden Ventilatoren,
die augenblicklich stillstanden, als ich sie fixierte.
Ort der Ruhe, eingebildetes Tatsachenbild. Und über mir
diese Bastionen ohne Gewicht, die Menschen in stummen

traurigen Märschen, die Maschinen, Geräte, Möbel
fliegend, fleischig. Lautlose Explosionen, die alles
lächerlich machten, mich zum einzigen, der standhielt:
fährt nach oben, landet im schmetternden Gelächter

(Sonntag, 21.04.2002, Paris)
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