28
Jul
2008

REISSNAGEL

eingerext im eigenen geborenen Körper.
wie ein Zwilling, ein nie selbständig geborener,
der anfallweise nach außen dringt
mit feuriger Menetekelschrift,
bis die Geburt wieder stockt.

Eingerext. Hingestürzt im Krampf
der proximalen Extremitätenmuskulatur -
hingestürzt, zerschlagen am Boden.

Eingerext. Aufgespießt auf dem Keil,
aggressiv aus der friedlichen Kreisfläche -
gedachte Basis zwischen zwei gekreuzten Schenkeln
an der Spitze des Dreiecks, von unten
im rechten Winkel emporgebogen.

Eingerext. Aggressiver Keil sichtbar empor
aus dem in sich ruhenden Mutterkreis.
Gedachter reduzierter Keil - gedachtes
Rechteck am Grund des aggressiven Keils.

Eingerext. Alles in Schwebe
zwischen dem eigensinnig erigierten Keil
und der mütterlichen Kreisfläche -
Daseinsformen, Funktionen, Zwecke

(Samstag, 24.02.2001, 12.40 Uhr)

(Würde eine solche mütterliche Kreisfläche
tatsächlich existieren, würde ich mich gern dort
niederlassen! Rückkehr ca. 30.8.2008
)

24
Jul
2008

KÖRPERGEBURTEN

aus dem Mund mein kleiner Körper,
der wiederum einen noch kleineren gebar usw.

Damals hatte ich noch einen Bart,
der das Gesicht dunkel umrahmte,

straffe Haut, keine bröseligen Lippen.
Ich blickte auf, sah mich oben verschwinden

und gleich wiederkehren in Form von Schönheit
Gnade Reichtum, alles in der Zukunft.

Ich atmete mich wörtlich ein,
als Toter, der wiederum Tote gebiert,

und beim nächsten Atemzug,
kehrte ich in mich zurück, scheinbar unverändert.

Ich hielt die Augen offen.
Mein Hauch beschlug sie mit sanften Tränen.

Das war mein Traum,
damals um die zwanzig, ex cathedra

(Montag, 12.08.2002, 16.40 Uhr)

21
Jul
2008

MR. INDECISION

Mr. Indecision erwartet den Tag
voller Gleichgültigkeit, außer es gibt
Berechnungen, die zweckvolle Volten
anbieten: Ernährung, Tanz, Lust.

Mr. Indecision liebt es, auf Parkbäumen
solipsistische Ironieschleifen
aufzuzeichnen, mit dem Argument
der Gefahrlosigkeit. Vollkommene Beliebigkeit

ist in die Gesichter der Spaziergänger,
auch Läufer eingegraben, hündischer
Gebrauch von Freiheit. Die Hütte lockt,
die Kette, eintönig wohlschmeckender Fraß.

Einige Male der Versuch zur Begattung.
Tore dürfen übersprungen werden,
Aufhüpfer beklatscht, schnell dringt wieder
stinkende Einsamkeit durch, dieses Hinken,

Widerwille beim Anblick des Gefängnisgevierts.
Das Spiel ist leer, das Spielzeug – falls vorhanden –
festgefressen zwischen den Reißzähnen.
Blut eine äußerste Seltenheit. Alles knurrt,

doch wie ein entwaffnend milder Ton.
Die Konkurrenz ist weit weg, faktisch
nicht existent. Auf das Studentenleben
folgt übergangslos das eines Pensionärs.

Immer dieselben Ausführungen von immer
den gleichen Frauen, egal, ob alt oder jung,
geistesabwesend und mehr oder minder
osteoporotisch. Der Hund, voller Mitleid,

wird nicht davonrennen, nur schnüffelnd
sich anschmiegen. Eine höchst politische
Entscheidung, ohne Emphase. Das mittlere
Alter im Anmarsch, keine Veränderung in Sicht

(Montag, 18. September 2005, 5 Uhr, Venedig)

29
Jun
2008

WALD! WALD!

Alles verdirbt schlechter Buchgeruch –
den Tag, die Inspiration, den Mut,
Widerstand gegen Schalen und Buckel.
Dieses geisterhaft sich Nachbildende: wie nah
es mir ist – dein ganz spezieller Augenfehler.

Wald, Wald, deine Augen wimmeln!

Auch diese Ausschließlichkeit
deiner Grundentfaltung und daß du
den Vater liebst, liebst trotz tyrannischer
Rundumeinschränkung, Grundkränkung.
Nochmals: darin – in den Blicken, Selbstschreibungen –

Wald, Wald, deine Augen wimmeln! -,

diese unnachgiebige unglaubliche Präsenz.
in den wiederholten Bewegungsabläufen,
im Stillgehen, Stillstand. Im Ausholen
ins Ungewisse – Präsenz, im Mut zum Minmalen.
Und ich: knapp hintereinander zwei Halcion.

Wald, Wald, deine Augen wimmeln!

(Freitag, 19.12.2003, 1.10 Uhr)

(Auf, auf in den Wald! Rückkehr: ca. 20.7.2008)

23
Jun
2008

PSEUDOKINDERSPIEL

in dem Moment, da ihre Singstimme mich nennt,
fragend, ist wieder alles parat: dieses
penetrante Kopftuchrichten, die Blicke, starr
aus ihren Majal-Umrandungen, die abgebrochenen

Einladungen, Autofahrten mit altpersischem
Frauengesang, der ihr nichts sagt, Hotelcafés
als Fluchtorte der Verlegenheit: irgendwo werden
die Haare enthüllt, nach endlosen Verhandlungen,

ohne irgendwelche Konsequenzen, außer daß sie
von Verstößen berichtet, Beobachtern, die sie
einer Bestrafung zuführen könnten, fremden Männern,
extra angereist, um sie zu züchtigen,

mit Zustimmung der Botschaft. Jetzt ihre Stimme,
die etwas träge Intonation, der helle duftende Klang
der deutschen Vokale, der plötzliche Kick unterm
Tisch, der wehtut, während sie lächelt, die Freundin

wegschaut, und im selben Moment meine Schläge
auf ihre Fingerspitzen, die immer härter ausfallen
in diesem Pseudokinderspiel: wer schneller schlägt,
wer zuerst wegzieht; und wie der Tisch reagiert

(Montag, 18. September 2005, 22.55 Uhr, Venedig)

19
Jun
2008

GOLD GOLDIGES

im Zug steigt Kopfschmerz auf,
rechts und links, er reicht Wochen, Monate
zurück, vielleicht Jahre. Was bedeutet das?

Gibt es Schnitte, die mich auszeichnen?
Gold, Goldiges, wie ein Helm
oder Schein des Heiligen, Patronengürtel?

Opfer hält sich bereit, mein Mantel.
Geschoße als Dornen, Erhebung, unversehrt,
aus der rasenden Fahrt in die Wolken.

Und im Tal, keineswegs des Jammers,
atmender Aufstieg, ohne diese penetrante
Innenluft. Rechts und links Berge,

auch in der Ferne, mit Schneekappen.
Das ist vorbei, keine Sonne, nur Zischen
von Feldern und Ortschaften, Ausschnitten

zwischen unverrückbaren Vorhangteilen,
einem fünffachen Heizungsschlitz.
Läge doch Schmerz vor mir, ausgebreitet

wie eine Stadt, deren Modell: harmlos weich,
aus Stoffen, über einen Spielzeugkoffer gespannt,
aus denen sich Stimmen erhöben, Gejubel

(Samstag, 05.04.2003, 16.40 Uhr

15
Jun
2008

TRAUM VOLLER TRAUER

weinend, abgewandt, mit angezogenen
Knien im Bett - ihr gestreifter Rücken,
ihr Kopf inmitten der Haare: ihn weit
nach vorn gestreckt, sie als Ganze
ein geknicktes S. Möchte allein weinen,
niemandem ihre Tränen zeigen,
keinem den Grund ihrer Trauer enthüllen –
nur Trauer fühlen, darüber nicht reden.
Das Letzte wäre es, hätte sie jetzt eine zärtliche
Anwandlung. Der eine und der andere
versteht sie nicht, verstärkt nur ihre Scham.
Sie zieht sich zurück, verschließt sich im Bad.
Als Abgewandte erscheint sie wieder, und ist –
nach diesen vielen entgangenen Augenblicken –
eine sich fremde, vorwurfsvoll brennende Gestalt.
Das im Traum. Danach eingeklemmt
zwischen zwei Frauen, und keine weint.
Mich als Entscheidungswilligen verstört hingegen
das über mir hängende Gleichgewicht

(Sonntag, 11. September 2005, 3.40 Uhr, Venedig)

10
Jun
2008

KEIN INTERESSE

er hatte eigentlich damit begonnen,
kein Interesse zu zeigen, zuzuwarten.
Nach Jahren begann auch sie,
kein Interesse zu zeigen, zuzuwarten.
Und er hoffte, daß sie nicht zuwartete,
daß das Nichtzuwarten plötzlich aufhörte;
daß sie ihm die Chance gab,
wie früher zu reagieren, darauf,
daß sie wieder Interesse zeigte;
daß sie abgewehrt werden konnte zum Schein,
um ihr Interesse zu stärken.
Diese Verschränkung aufgelöst im Lauf der Jahre,
und jetzt der Anschein,
daß beide in einer Warteposition verharren -
er glaubt an eine Rückkehr
in den früheren Zustand, in dem Fall,
wenn sie wieder Interesse zeigt,
wobei ungeklärt bleibt,
warum ihr Interesse geschwunden war.
Wozu sie zwischendurch anmerkte,
ein bestimmter Geruch sei nicht mehr da,
er entblöße sich nicht mehr,
ahme die frühere Schüchternheit nach.
Während er den Gedanken hegte,
es sei richtig zuzuwarten,
wodurch das Sexuelle
von selbst in den Hintergrund trat
und von ihr erwartet wurde,
daß sie immer wieder von neuem
eine Art Befreiung anbiete -
von dieser entsetzlichen Starre,
die er schon als Kleinkind erfahren hatte,
eingebunden mit gekreuzten Ärmeln
wie von einer Zwangsjacke in einen Wickelpolster,
zur Regulierung des Knochenwachstums,
Konzentration auf den Sehsinn.
Bewegung war Augenrollen,
Zwinkern, Zunge raus, rein, Grimassen,
Schweifen der Phantasie in die weiteste Ferne,
auf die nächste Wand, den Plafond -
Widerschein des Lichts vom Fenster her,
von der menschenleeren Dorfstraße

(Sonntag, 04.05.2003, 18.20 Uhr)

5
Jun
2008

DONNERGESCHMETTER

grün in diesem Nachtlicht der Brunnen.
Und vor dem Sockelstreifen der Kirche
von beiden Seiten verwischte Bewegung.

Regen, der alles schnell beschleunigt,
Geräusche verdichtet. Etwas fällt um,
Quietschen und Aufschlag, zwei-, dreimal.

Und ich, zwischen Vorhängen, unentdeckt,
angelockt vom einzigen Donnergeschmetter.
Draußen, mit unwissenden Mitspielern,

minimalen Veränderungen die Versuchsstation.
Auf diesem Feld treten Füße auf, ziehn sich
ruckartig zurück; dunkles Hin und Her, erhellend.

Lacken, zwischen Gitterstäben aufgleißend,
aus denen der Regen zurücksprüht.
Ich öffne das Fenster, zeige mein Gesicht

(Donnerstag, 11.9.2003, 10.10 Uhr, Venedig)

1
Jun
2008

UND POTSDAM

unbedacht in die nächste offene Tür:
sich steif halten, nach hinten stemmen,
der Blick schweifen lassend, unentwegt –

so den Frauen entgegengetreten,
jungen und älteren, Müttern mit Kindern.
So auch eindeutigen Nichtberlinern,

den wenigen Schwarzen, halbwüchsigen Türken
in lärmenden Autos. Parks eher grau als grün.
Blumenbeete als nicht vorhanden vermerkt.

Kein rasender Verkehr, wenig Stau.
Nur am Wochenende erzwungene Halte
bei Nikolasee. Warten auf dem falschen Bahnsteig,

Einstieg, Ausstieg, Umkehr, Kontrollverlust.
Schließlich Geplätscher, ferne Segelparade,
langsam heranschaukelnde Sommerschiffe,

Gelage auf dem Villenabhang, Lesungen
an mehreren Orten zugleich. Und wo bleibt Potsdam?
Auf dem Plan, aber nicht wirklich vermißt

(Montag, 18.8.2003, 20.05 Uhr, Berlin)

28
Mai
2008

ERSTER MAI

sie, die mich trotz der Papilloma-Viren
küssen wollte, stieg in den Zug,
der nach Öl roch und trotzdem losfuhr,
unter einem makellos blauen Himmel -

eine Wendung nach rechts brachte
eine Bergkrone zutage, umgeben von roten,
weißen und wiederum roten Drachenfliegern -
der 1. Mai zeigte sich noch am zweiten

an einigen Häusern beflaggt -
aus dem Buch stieg Erinnerung auf,
der Drang, Erinnerung zu erklären, Orte
der Erinnerung in mir, deren Art und Weise -

so dachte ich an Neuronen, Konvergenzfelder,
meinen Hippocampus, die Amygdala -
und die Nachricht, daß H.s Mutter
gestorben war, die mich verspätet erreichte,

am Computer in Maislingers Bäckerei,
mit allen Illusionen der Gegenwart -
und sie im Zug, vielleicht schon angekommen,
die so scharf erdig riecht, so oft leichtfertig

an den Zähnen saugt - und wie die Stimme,
die nicht wirklich stimmhaft verständliche
abstellen, außer durch Ortswechsel -
und was, wenn es die eigene ist

(Sonntag, 04.05.2003, 19 Uhr)

26
Mai
2008

BOIS DE BOULOGNE

1

worüber sie jubeln,
die halb aus dem Stein Drängenden,
nach vorn Gebeugten,
die Helme hebend über dem Automobil,
Männer mit Schnauzern,
die Frauen umringen, mit Federhüten -
der Frühling, implodiert zu einer Skulptur,
davon unbehelligt die Autos,
die an allen Seiten vorbeidröhnen,
Tinnitusdauerton -
Bois de Boulogne

2

Zeitungsleser auf Baumstümpfen.
Daneben Hundeschererinnen
mit ihren schnappenden Scheren.
Und hinten ihnen die grellgrüne Linde,
einseitig nach links gezogen
von ihrer jungen Blätterlast,
die, feingliedrig hingehaucht,
einen Baum andeutet, der mehr ist:
dessen Inbegriff, ohne einen Gedanken
an den Herbst, dessen Farben schon blenden

(Sonntag, 21.04.2002, Paris)
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