1
Jun
2006

DURCHFLUSSGESELLSCHAFT

im Gewimmel mit anderen,
auf der Straße im kühlen Schatten,
auf gleicher Ebene: Stühle und Tische,
Humanismus. Draußen eine blutige
Schleimhaut, die unbemerkt abgegangen ist
aus den düsteren Vielbettzimmern,
schwarzen Löchern – das im Rücken
und vor sich Häuserwände
mit spiegelnden zugigen Fenstern.
Während des Gehens und Schwankens
eine Menge kleiner Schwangerschaften,
Fluchten ins helle, geruchlose Licht.
Körper an Körper,
und diese befreienden Laute und Kurzschlüsse.
So den Magen devaginiert, samt Mobiliar:
ausgeschieden, und draußen Verdauung
in guter Gesellschaft.
Köpfe auf Hälsen, diese auf Rümpfen,
und da dazwischengeschoben
ohne besondere Unterscheidung,
ohne die Verbindung nach hinten zu kappen.
Durchflußgesellschaft
mit gesteigerter Durchflußgeschwindigkeit.
Grelle, vom Schatten gekühlte Nachmittage,
helle Abende, bis in die Nacht hinein.
In den Innennächten Tiere,
die draußen so menschlich sind.
Kaum drinnen - schwere Gerüche,
erstickende Kontaktlosigkeit

(Sonntag, 14.08.2005, 21.35 Uhr, Paris)

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dtear - 5. Jun, 13:04

Devaginiert:

ein mir unbekanntes Wort. Den Magen devaginieren? Woher haben Sie das Wort? Dazu gefunden: "Invagination: Invaginationen durch ein Meckel-Divertikel lassen sich in der Regel nicht hydrostatisch devaginieren, sondern erfordern eine Laparotomie." Dazu: "Als Invagination (synonym: Intussuszeption) des Darmes wird die in Längsachse erfolgende Einstülpung eines Darmabschnittes in einen anderen bezeichnet. Hierbei kommt es durch Störungen in der Blutversorgung der Darmwand infolge von Blutstauung und Ödemen zur Ausbildung der Symptomatik eines Darmverschlusses. Der eingestülpte Darmteil wird als Invaginat (oder Intussusceptum) bezeichnet. Die Invagination verläuft meist in die aborale Richtung in das Invaginans (oder auch Intussupiciens), der Darm stülpt sich also in der Richtung seiner Peristaltikwellen ein. Relativ selten liegt eine Invagination nach oral vor (retrograde Invagination), was hauptsächlich als Komplikation nach einer Magenresektion beschrieben wird."

dtear - 5. Jun, 13:20

Zu " Durchflussgesellschaft"

ein Zitat: „Nichtstun ist die umweltfreundlichste Form des Daseins,“ konstatierte Stahel, aber für die wenigstens ist das die existentielle Alternative. Es gibt noch auf anderen Gebieten genügend Einsparpotential, denn: 30—50% aller Güter, die produziert werden, werden nie verkauft. 93% der Ressourcen, die der Erde entnommen werden, werden nie zu Produkten verarbeitet. 80 % sind nach einmaliger Nutzung Abfall, 99% der Naturressourcen sind nach sechs Wochen Abfall.
Second-Hand, so Stahel, vermeidet die Energie- und Müllrucksäcke, die Produkte mit sich herum schleppen, vor dem Verkauf. Second-Hand Produkte sind allerdings in Relation nicht so preiswert wie andere Güter, da a) bisher Umweltbelastungen kostenfrei sind und b) der Staat die lineare Industriegesellschaft subventioniert: Wasser, Agrar, Energie, Transport. Die sogenannte „Durchflussgesellschaft“ hält unsere Wirtschaft am Laufen, wenigstens so die aktuelle Sichtweise. Dabei bietet Langlebigkeit, der sogenannte Teddybäreffekt, Erfolg versprechende Perspektiven für die Zukunft.“

YvonnesechX - 15. Jun, 10:59

DER TITEL

Ihres Gedichts löst bei mir eine angenehme Assoziation aus: Durchzug, Genuss... Durchfluss ist etwas Bewegtes, Mitreißendes. Etwas Bacchantisches schwingt auch mit. Im ökonomischen Sinn sicher nicht positiv, für das Individuum doch gut, wenn "es" fließt.

Es geht hauptsächlich um „Ausstülpung“ in eine Außenwelt, auf die der Blick des Schreibenden fällt: in die er seine Röntgenaugen steckt. Eigentlich ist es ekelhaft, ihm dabei zu folgen. Daß "Schleimhaut" mit "draußen" verbunden wird, irritiert mich sehr.

Vor allem der Anfang erscheint mit unklar; er sollte mehr strukturiert sein, denken Sie nicht? Auch was das Wort Humanismus hier zu suchen hat, bleibt offen.

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