12
Mai
2008

DER HUND

der Hund, sonst immer am Pflaster,
diesmal oben im Fenster, mit hängenden
Lidern und Lefzen, traurigen Augen,
wegen der fehlenden Flügel
oder des Urteils, nur in diesem Zimmer
unbeschreibliches Glück zu erfahren.

Jeden Moment könnte er mir
oder dir in die Arme springen.
Aber er starrt an uns vorbei,
ohne uns zu ignorieren.
Wir sehen niemanden im Haus.

Beim Eingang hockt einer,
an einem Radio bastelnd,
bis eine unstete Melodie ertönt,
und dann die gleiche 50 Meter weiter
aus vier Lautsprechern:

zwei Männer mit Frau,
alle drei beschwingt das Schwanken
des Boots austarierend. Sie spiegeln
lachend das lebenslange Unglück
des Hundes, sein Gefesseltsein,

aber auch das Hoffnungsvolle
ihres eigenen Lebensentwurfs
im Vergleich zu endloser Treue,
unerbittlicher Freßabhängigkeit,
bornierter Streichelsucht.

Ihr Glück jetzt so offensichtlich,
während der Hund sich lautlos
und mißvergnügt ausstellt
ohne einen Gedanken an sein banales Ende
in der Schraube eines Vaporettos
oder unter einem Krangewicht

(Freitag, 9. September 2005, 22.50 Uhr, Venedig)

9
Mai
2008

SCHLÄFER

sie lagen überall herum:
auf Bänken, im Rasen,
an Mauern, Straßenecken,
im Schwimmbad, auf Baustellen,
auf den Bahnhofsvorplätzen.

Sie kam, ließ sie schlafen, voller Gnade:
legte jedem das Frühstück hin,
irgend etwas schnell Zusammengekauftes,
noch in der Folie, stellte
ihr Stativ auf und drückte ab.

Sie lagen überall herum:
auf Bänken, im Rasen,
an Mauern, Straßenecken,
im Schwimmbad, auf Baustellen,
auf den Bahnhofsvorplätzen.

Sie kam, stahl ihnen blitzschnell
Momente selbsterschöpften Ruhens,
atmete ihren ausgepowerten Lebenshauch,
verkroch sich im Ungelebten.
Drehte sich um und ging

(Sonntag, 16.06.2002, 0.30 Uhr)

5
Mai
2008

RAUCH

Rauch aus ihrem Mund, dem Hals,
der zur Drehleiter wies, den Blick
hinaufreißend zum fernen Ende beim Dach,
und in Viertelhöhe der Korb,
der dort festsaß, nur in der Phantasie
Gefährt einer plötzlichen Sehnsucht
nach Enthobensein, Erhabenheit,
begleitet von ihr trotz heftiger Abwehr,
eilfertig zum Schutz vor ungelenken Gedanken,
einem, der zwischen ihren Schuhspitzen
unten in der Dunkelheit hin- und herlief,
und einem, der oben um den Mund herum
ein kurzes Licht erzeugte, Lob
der Metaphysik, blitzschnellen Verdauung
alles Empirischen. Sie verließ den Hof,
kam wieder, rauchte, ging zurück und blieb,
bis drinnen die Musik verstummt war

(Dienstag, 14.10.2003, 2 Uhr)

1
Mai
2008

MATERIAL

1

die blinde Gegenwart hockt
auf der blinden Vergangenheit, hält
Ausschau nach mir und all
den anderen, die irgendwo
immer hocken oder liegen oder
sich schon aufgelöst haben als menschliche
Struktur, nicht entmaterialisiert, sondern
verfügbar als Material

2

ich atme jetzt, auf meinem Bett
neben einem zweiten, das leer ist,
blicke auf zwei geöffnete Türen
bei künstlichem Licht von oben und
rechts. Und ich weiß: wenn
ich nach vorn geh, öffnet sich
ein Raum, ein zweiter, dritter, davor
ein Platz mit Stimmen und Schritten,
und ein heller Glockenschlag,
nur ein einziges Mal

(Sonntag, 07.09.2003, 8.15 Uhr)

26
Apr
2008

CON VIBRATO

Atemlosigkeit - ihre gerollten Stierhörner, der Teufelsblick:
zwingend in die Mitte auf der Nasenwurzel. Viruslärm,

das heißt: völlige Stille aus dem Komponierzimmer.
Und nebenan, im Abteil nur die Ahnung eines künftigen Brands,

der Schaffner als Brandmelder, versagend.
Sie - die einzige, die überlebt, die Musik rettet aus dem Loop,

voller Ekstase. Wind aus den Wörterbüchern, sprichwörtliche
Klangquellen, wartend aufgereiht. Wortwirbel, der schon im voraus

Interpretationen mischt. Wetter und verlorene Zeit -
hier mit einem Mal konkret, ganz genau. Kosmos, schwirrend,

vorbereitet vom Dreiklang. Das Verborgene, damals, ihr Schlaf,
die erstaunlichen Passagen-Entwürfe unter dem Kanal;

und die schönen Männer - Bläser und Schläger.
An den Küsten abgebrochen, in den Wolken, die herabregnen.

Frenetische Bänder, die nicht winken, sondern aus den Mündern
herauswachsen: Wechselbäder, gesangsweise. Wollüstiger

Klang aus der Leere. Nicht Federn in ihren Augen: Nerven-
gezitter, con vibrato, über den Saal verteilt, fedriger Nebel

(Mittwoch, 6.11.2002, 19.30 Uhr)

22
Apr
2008

MANN/WEIB

wie du und ich durch ihren Körper
hindurch auf diese drei Männer blicken,
zugleich in ihrem Mund versunken,
der seltsam zuckt, sich rechts
viel weiter öffnet, auf weiße Zahnreihen,
immerwährendes Gelächter.
Darin lebt dieses Lippenfleisch
unter einer Schicht von speziellem Rot,
dezent glossy, Verführung und Schutz,
ausgestellt und verborgen,
so, wie der restliche Körper.
Nur nebenbei, doch da
voller Glück alles Männliche in ihr:
aufgespaltet in eine Dreiheit,
von beliebiger Herkunft, Figur und Größe.
Es zählt nur das Versprechen:
keine Störfaktoren in ihrer Märchenwelt,
alle drei beharrliche Exekutoren anderer,
stets peinigender Zwangsideen:
Flugzeuge, Rauch, Bilderwut etc.;
Spiel mit Puppen, Mißbrauch etc.;
Armut, Analsex etc. Besser, sie fällt
nach draußen in Partikeln als verklebt
zu einem undurchdringlichen Gesamtbild

(Mittwoch, 10.8.2005, 7.40 Uhr, Paris)

18
Apr
2008

VIER LIEDER

1

Nieseldings, Klaviergestimm - drinnen, draußen -
gleich bei den dunklen Ornamentbauten am
Platz, keineswegs menschenstill, mit Blick
auf die Nebenan-Gehäuse: in U-Bahn-
nähe, hinter Scheiben, Menschen-
fliegen auf Platten. Und das
Klavier verklungen,
hier wie dort


2

Motive in Reih
und Glied, unten,
keineswegs Schaum.
Brauner Samt, Handschuhe,
die niemand trägt, unhörbare
Herztöne. Und schon der anachrone
allmächtige Schmetterling, Geflügel,
von allen Seiten, zum Gestirn hin,
zu all den unsichtbaren Sternen


3

Allmitternacht –
Verbindungswort zur
Studienzeit, einstiger Pseudo-
romantik: auf Ölboden ausgebreitete
ZEIT. Damals diese unerträglich lange Selbst-
Verleugnung – Kommune der viel zu kurzen Schritte.
Papier fraß ich, papieren die schnell gewechselten
Betten, der Zukunftsirrtum


4

und jetzt unvermutet
der Rabe, kindsgroß, souverän
im Alpenwald, Hintergrund des Abstiegs.
Wie er im Geäst thront, aufhetzt
zum schwächlichen Echo.
Und ich, eiliger Nachahmer, kein
Anstifter zum Austritt
aus seinem geisterstummen All.
Blieb im Blick aufs geschlossene Gefieder -
konnte nur mehr Winterschlaf imitieren,
verscheuchen diese plötzliche lyrische Flugkraft

(Dienstag, 5.11.2002, 20.30 Uhr)

14
Apr
2008

VORREVOLUTIONÄR

gerade landet ein Schiffs-Ballon,
überall Baumkletterer, gestaffelter

Baum-Durchblick auf ein Schloß,
das Schiff am Bauch, einer mit Dreispitz

zielt mit seinem Schießprügel darauf,
Grasstück mit Schafen und dem Hirten

im Glück, der Ballon dort noch in den Lüften,
eine winzige vierflügelige Windmühle,

ein Hündchen zwischen Blumen, alles
vorrevolutionär. Auch da sind die Schranktüren,

die Türeinsätze, die Wände, an denen
das Bett steht, die Ecke mit dem Ventilator.

Kein sichtbarer Himmel, doch Sonnenlicht,
das den Raum füllt und gleich wieder

schwindet. Bewegungslos Bäume im Fenster,
auch Windrauschen. Koffer auf Rollen,

Flugzeuglärm, fast keine Autos. Seufzen,
Pfiffe, ein sanft angestimmtes Kinderlied,

Schritte, Summen. Im Bett kein Atem,
doch Leintuch und Decke heben sich.

Und ich, im Sitzen, die Beine gekreuzt,
schräg vorgebeugt, schräg in die Zeit

(Montag, 08.08.2005, 14.40 Uhr, Paris)

7
Apr
2008

ZEHN

Null ist nichtig, beginn zu zählen:
zehn - Bewegung, zuerst Atemluft,

dann Liebe; neun - die daraus geborene
Stimme, das blaue, sich blähende Gesicht,

gerettet im Nebenraum, nach dem schnellen
Schnitt, der die Mutter mit dem Rest

allein läßt, den Vater mit den noch nicht
entwickelten Fotos; acht - die Erinnerung

an diesen allerersten Fischblick, der alsbald
zu glimmen anfängt; sieben - der Mund,

der sich öffnet, zuerst fürs Essen,
dann im Schlaf; sechs - der Kraftakt,

der verdaut und hinterrücks ausscheidet;
fünf - daß das alles im Traum aufscheint:

Licht, Schatten, Boden, Decke, Ich,
auch anderes: Wandertrieb, Formchaos,

Roter-Augen-Effekt, Sturmböen, Windstille;
vier - das Wetter, das es momentan gut meint,

Abendsonne schon hinter den Dächern,
kein Nebel, kein Regen; drei - Rückkehr,

fleischlicher Gewahrsam, Lesbarkeit
von Mienen und Erregungen; zwei –

abstrakter Wille, der aufschäumt
und über pure Vermutungen hinausgeht;

eins - die Hand, die über sich selbst
nach rechts hinausdrängt, in alle

erreichbaren Himmelsrichtungen,
der Knochen bewußt, bluthungrig

(Dienstag, 9.8.2005, 20 Uhr, Paris)

3
Apr
2008

PERM IN MIR

wie rührend die Regelmäßigkeit ihres Atemhauchs,
der zugleich auch aus meiner Brust kommt:
darunter der Pförtner, der Magensack, zwölf
Finger breiter Abgang in den noch nie gesehenen
Verdauungstrakt, ausgekleidet mit Lebewesen,
die jede Lebenskatastrophe überstanden haben.

In mir auch Gebeine des Lystrosaurus, die Ödnis
am Ende des Perm, Echsenkörper am Oberkiefer
mit Hauern: allerhäßlichster Vierbeiner, Millionen
Jahre Alleinherrscher über die Erdenfauna.
Nichts rüttelt jetzt, jammert; keine Psychoanalyse.

Absichtslos am Stuhl, runder Tisch, grünes Licht
der arbeitsbereiten Geräte; der Koffer senkrecht,
sein Inhalt abgesackt oder wild im Raum verteilt.
Straffe Wirbelsäule, schweifender Wortsinn.
Wie gestern Englandblick, aus allen Winkeln
dieses Zimmers im Hotel des Grandes Ecoles

(Dienstag, 09.08.2005, 7.30 Uhr, Paris)

30
Mrz
2008

ORDNUNG, SEX

1

die Nadel, hinten mit einem Öhr,
die sich vor meinem Auge auftut
und hineinsticht, immer wieder,
ohne daß sich in meiner Wahrnehmung
etwas ändert: bläulich benebeltes Zimmer,
ein Zucken von allen Seiten,
Geschrei, Gewimmer, auch Schläge;
Zischen, Auf- und Absausen,
undefinierbarer Materiematsch

2

Mittag, ich sitze am Bett, ein Ohr,
das linke, voller Gebrumm, das andere sirrt,
Winter im Kommen. Unsinnigerweise
habe ich telefoniert, Ordnung, Sex,
perfektes Zusammensein phantasiert.
Das Kabel sollte durchgehend sein,
mich zu ihr hin verlängern. Brach ab,
die Nadel erschien, balanciert oder
hämmert noch immer, während sich draußen
ein Helikopter auf das Dach herabläßt

(Dienstag, 8.10.2002, 13.30 Uhr)

27
Mrz
2008

IM DOPPELBETT

die eine hat sich die Wangen
in Dreiecksform abgetrennt,
mit Rouge oder Puder, äugt trostlos
unter ihrer Haartracht hervor,
läßt die Lippen aufplatzen:

der Mann versenkt ihren Kopf
in läppisches Gekröse,
es ist sein Spiegelbild,
sie jetzt ein flacher Schoß,
der sich den Raum einverleibt hat.

Diejenige, die sich die Augen
mit der Linken zuhält, ist auch jene,
die ihm ihren Nacken darbietet,
den langen weißen Hals
mit der rot aufgedunsenen Bißwunde.

Plötzlich erwacht sie, kratzt sich
am Kopf. Steht im blauen Kleid
gleich parat, skeptischen Blicks.
Saugt mit ihrem blutigen Mund
an seinem Auswuchs,

der ihre Schutzhaut durchstoßen hat.
Preßt ihn an den Gaumen
so hitzig, daß er sich bald
von selbst zusammenringelt.
Lachend die beiden nebeneinander,

die Schöne und die Stoßpuppe,
Parodie auf das Leben eines Mannes.
Schließlich nur Packpapier,
verknülltes, geschrumpfte
Geschlechtsfigur, kurze

geschwollene Finger und
schräges verdoppeltes Lächeln
aus dem Doppelbett,
in dem sich, in einem Rahmen,
zwei küssen und küssen und küssen

(Mittwoch, 24.04.2002, 17.30 Uhr)
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